{"id":267,"date":"2024-05-16T16:36:00","date_gmt":"2024-05-16T16:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/fuenfzieger.de\/?p=267"},"modified":"2025-02-03T09:30:32","modified_gmt":"2025-02-03T09:30:32","slug":"nachhaltigkeit-von-rekrutierungsstrategien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fuenfzieger.de\/?p=267","title":{"rendered":"Nachhaltigkeit von Rekrutierungsstrategien"},"content":{"rendered":"\n<p>Nachhaltigkeit bedeutet, die gegenw\u00e4rtigen Bed\u00fcrfnisse so zu befriedigen, dass zuk\u00fcnftige Generationen in ihren M\u00f6glichkeiten nicht eingeschr\u00e4nkt werden. Die gleichberechtigten Dimensionen nachhaltiger Ma\u00dfnahmen sind deren wirtschaftliche Effizienz, soziale Gerechtigkeit und \u00f6kologische Tragf\u00e4higkeit. Die Abw\u00e4gung dieser Dimensionen soll als Grundlage nachhaltiger Politik alle Entscheidungen pr\u00e4gen. In diesem umfassenden Verst\u00e4ndnis von Nachhaltigkeit ist die \u00f6kologische Tragf\u00e4higkeit also nur eine Dimension. Diese ist nat\u00fcrlich von prominenter Bedeutung, weil gerade in den \u00f6kologischen Implikationen die Bedrohlichkeit nicht nachhaltiger Entscheidungen von gro\u00dfer Tragweite besonders deutlich werden. Gleichwohl weisen die Dimensionen der wirtschaftlichen Effizienz und sozialen Gerechtigkeit auf andere, nicht weniger bedeutsame Handlungsfelder hin, die das Leben zuk\u00fcnftiger Generationen entscheidend pr\u00e4gen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenden wir den Nachhaltigkeitsbegriff auf Rekrutierungsma\u00dfnahmen von Pflegepersonen aus dem Ausland an, k\u00f6nnen wir uns auch an diesen Dimensionen orientieren. Dieser Gedanke scheint zun\u00e4chst ungew\u00f6hnlich, muss aber angesichts des enormen Energieaufwandes, der mit der Rekrutierung von Pflegepersonen aus dem Ausland einhergeht, zugelassen werden. Energie meint in diesem Zusammenhang nicht nur die physische Energie, die bei den Fl\u00fcgen zwischen Deutschland und den Rekrutierungsl\u00e4ndern verbraucht wird &#8211; vielmehr f\u00e4llt hierunter auch die psychische Energie, die f\u00fcr Losl\u00f6sung von Familien, Anerkennungsverfahren und Integrationsprojekte aufgewendet wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Blick auf die Zukunft als Orientierungsma\u00dfstab f\u00fcr Nachhaltigkeit von Instrumenten der Gegenwart m\u00fcssen auch die Versuche, den inl\u00e4ndischen Mangel an Pflegefachpersonen durch Rekrutierung von Pflegefachpersonen aus dem Ausland hinsichtlich deren Begr\u00fcndungszusammenhangs und ihrer Wirksamkeit betrachtet werden. Also konkret folgende Fragen gestellt werden: in welchem Umfang lassen sich durch Zuwanderung von Pflegepersonen die inl\u00e4ndischen Bedarfe unterst\u00fctzen und sind die Bedingungen daf\u00fcr so ausgerichtet, dass dem Nachhaltigkeitsanspruch entsprochen wird, also zuk\u00fcnftige Generationen in ihren M\u00f6glichkeiten nicht eingeschr\u00e4nkt werden?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zahl der Menschen mit einem Versorgungsbedarf nach SGB XI\u00a0 nimmt zu. Von 1999 bis 2021 hat sich die Zahl der Leistungsempf\u00e4nger der sozialen Pflegeversicherung auf 4,96 Mio mehr als verdoppelt. Davon werden 80 % zu Hause versorgt, 63 % von ihren Angeh\u00f6rigen. Offensichtlich ist es also m\u00f6glich, Angeh\u00f6rige einen Teil der T\u00e4tigkeiten durchf\u00fchren zu lassen, der von der Gesellschaft ganz selbstverst\u00e4ndlich der Pflege zugesprochen wird. Anders ist es nicht zu erkl\u00e4ren, dass auch in der \u00d6ffentlichkeit die Angeh\u00f6rigenf\u00fcrsorge als gr\u00f6\u00dfter Pflegedienst der Nation wahrgenommen wird.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig f\u00fchren die Pflegefachberufe die Engpassstatistik der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit an. 2022 weist die Bundesagentur eine mittlere Vakanzzeit von 136 Tagen f\u00fcr offen gemeldete Stellen f\u00fcr Pflegeperson aus. Das findet vor dem Hintergrund eines bereits seit Jahrzehnten eh schon bestehenden Pflegepersonalmangels in den Einrichtungen statt, der durch demografische Faktoren jetzt noch versch\u00e4rft wird. In den Krankenh\u00e4usern fehlen 2035 laut einer Studie von PwC gut 288.000 Pflegepersonen, in der station\u00e4ren Langzeitpflege gut 100.000.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der demographische Wandel liefet gute Argumente f\u00fcr die Rekrutierung von Pflegefachpersonen. Zugleich offenbart der enorme Bedarf an Pflegfachpersonen aber auch, dass Zuwanderung nicht die einzige und vor allem nicht die notwendige Antwort auf die Herausforderungen in der Pflege darstellt. Im Kern bleibt die Formel, dass wir mit weniger Pflegepersonen mehr Leistungsempf\u00e4ngerInnen zu versorgen haben. Das kann nur gel\u00f6st werden, wenn die Systemstrukturen von Grund auf an dieses demographische Paradigma angepasst werden. Die wertvolle Ressource pflegefachlicher Kompetenz spielt dabei eine herausragende Rolle, sofern es gelingt, Pflegefachlichkeit auch in den K\u00f6pfen aus ihren subalternen und verrichtungsorientierten T\u00e4tigkeitszuschreibungen auszul\u00f6sen und Pflegepersonen entsprechend ihrer Kompetenzen eine Pflegepraxis aus\u00fcben zu lassen, die einen echten Pflegeprozess anwendet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der Schwierigkeiten f\u00fcr Pflegefachpersonen aus dem Ausland ist es, hierzulande anzukommen. Hier stehen Sprache, Kultur und unterschiedliches Professionsverst\u00e4ndnis zwischen den zugewanderten und den inl\u00e4ndischen Pflegepersonen. Zudem stellen die Integrationsanstrengungen oft noch allein auf die Arbeitsmigrantinnen und -migranten hin ab: Diese sollen sich mit der Kultur in den Ziell\u00e4ndern befassen, eine fremde Sprache lernen und sich auch an die Arbeitsbedingungen anpassen. Zu selten hingegen sind an den Zielorten Bem\u00fchungen angestrengt, die im Sinne einer echten Willkommenskultur erkennen lassen, dass auf die zugewanderten Pflegefachpersonen zugegangen und deren Expertise als Zugewinn wahrgenommen wird. Eigentlich absurd, schlie\u00dflich bitten wir diese Kolleginnen und Kollegen um Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Pflegefachpersonen aus dem Ausland haben derzeit oft einen formal h\u00f6heren Bildungsabschluss als inl\u00e4ndische Pflegefachpersonen. Die Anerkennungsverfahren sind langwierig und z\u00e4h und stellen einzig darauf ab, den formalen Downgrade herzustellen &#8211; also den ausl\u00e4ndischen Studienabschluss auf den in Deutschland \u00fcblichen Ausbildungsabschluss runterzubrechen.&nbsp; Gleichzeitig lernen die Kolleginnen aus dem Ausland hierzulande, Pflege neu zu denken und sich von ihren Erfahrungen, welche Aufgaben Pflege hat, zu verabschieden. Schlie\u00dflich m\u00fcssen sie sich in die Verrichtungsorientierung deutscher Pflege hineindenken lernen, um in den Systemstrukturen in Deutschland bestehen zu k\u00f6nnen. Um ein Beispiel anzuf\u00fchren: zum Aufgabenprofil von Advanced Nurse Practitioner, wie sie in Niederlande eingesetzt werden, k\u00f6nnen z.B. auch die Durchf\u00fchrung bestimmter Endoskopien, komplexere Wundversorgungen oder auch die Rezeptierung von Medikamenten gelten. Das ist dann doch weit vom Pflegeverst\u00e4ndnis in Deutschland entfernt. Reibung entsteht, wenn im Rekrutierungsprozess diese Unterschiede nicht deutlich kommuniziert sind. F\u00fcr zugewanderte Pflegefachpersonen steht &#8211; neben den pflegefachlichen Differenzen &#8211; zudem oft auch ein erlebter Alltagsrassismus im Widerspruch zu den Versprechungen \u00fcber ein gutes Leben in Deutschland.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Programm \u201eTriple Win\u201c steht f\u00fcr die Anstrengungen, Pflegefachpersonen aus dem Ausland zu gewinnen. \u201eTriple Win\u201c soll dabei den Handlungsrahmen darstellen, dessen Anwendung sicherstellt, dass die Rekrutierung f\u00fcr alle Beteiligten ein Gewinn darstellt: das Entsenderland mit einem \u201e\u00dcberangebot\u201c von qualifizierten Pflegefachpersonen, das Empf\u00e4ngerland mit dem Pflegenotstand und die emigrierte Pflegefachperson, die der Verhei\u00dfung eines besseren Lebens folgt, auch. Die dahinterstehende Logik entspricht dem Verwertungsansatz, der bei der Gestaltung von Pflegeberufesettings seit sp\u00e4testens der Einf\u00fchrung des Sozialgesetzbuches XI das vorherrschende Paradigma der Politik f\u00fcr Pflege zu sein scheint.&nbsp; Mit \u201eTriple Win\u201c wird am Ende eine Verantwortungsethik propagiert, die hegemoniale Ans\u00e4tze im Rekrutierungsprozess verschleiern soll. Das hat auch eine gesamtgesellschaftliche Dimension: W\u00e4hrend f\u00fcr den Bedarf an Pflegefachpersonen hierzulande im \u201egeeigneten\u201c Ausland Familien auseinandergerissen werden, rutscht das politische und gesellschaftliche Klima in Deutschland nach Rechts und auch Parteien der b\u00fcrgerlichen Mitte setzen sich f\u00fcr eine schnelle Abschiebepraxis \u201eunerw\u00fcnschter\u201c Ausl\u00e4nder ein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schlicht nicht zu verstehen, warum es der Gesellschaft nicht in den Sinn kommt, Menschen eine Perspektive zu geben, die sich aus dem zutiefst existentiellen Bed\u00fcrfnis nach einer sicheren Umgebung auf den Weg nach Europa gemacht haben. Angesichts des Mangels an Pflegefachpersonen kann &#8211; gegen alle anderen Argumente &#8211; diese Perspektive auch in den Pflegeberufen liegen. Dass es daf\u00fcr einiges zu tun g\u00e4be, ist davon unbenommen. Das Versorgungssystem allerdings in seiner gegenw\u00e4rtigen Erscheinungsform neben vielen anderen Vers\u00e4umnissen in der Sozialpolitik auch durch Rekrutierungsantrengungen zu manifestieren, schr\u00e4nkt zuk\u00fcnftige Generationen eher ein. Diese Versorgungsstrukturen sind nicht zukunftsf\u00e4hig und werden die Sozialkassen \u00fcberlasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Rekrutierungsanstrengungen w\u00e4re abschlie\u00dfend noch folgendes zu sagen: Diese w\u00fcrden nachhaltig sein, wenn sie zu einem Kulturwandel in der Pflege in Deutschland beitragen, weil wir von anderen bereitwillig lernen, wie Pflege auch durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnte. Weg von der Verrichtungsorientierung hin zu einer selbstbewussten Pflegefachlichkeit mit einem ausgepr\u00e4gtem Professionsverst\u00e4ndnis. Unsere Aufgabe in der jetzigen Generation w\u00e4re es dann, dieser Entwicklung nicht im Weg zu stehen, sondern sie wohlwollend und offen zu begleiten. Ziel der Anstrengungen muss es sein, zu einem anderen Rollenverst\u00e4ndnis von Pflege zu kommen und dieses in der Versorgungsstruktur auch zu verankern. Community Health Nurses stehen beispielhaft f\u00fcr dieses ver\u00e4nderte Rollenverst\u00e4ndnis von Pflege: Der f\u00fcr die Erf\u00fcllung des Nachhaltigkeitsversprechens notwendige Paradigmenwechsel liegt in der Fokussierung auf Pr\u00e4vention und Zuordnung der Verantwortung daf\u00fcr bei den Pflegefachpersonen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr Eigenverantwortung und andere Aufgaben erfordern auch andere Bildungswege. Hier k\u00f6nnen wir von den zugewanderten Kolleginnen und Kollegen mehr lernen. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir uns darauf einlassen und die Rekrutierungsanstrengungen weniger unter dem Aspekt der Fachkr\u00e4ftegewinnung einordnen, sondern mehr unter dem Aspekt der Entwicklungshilfe. Und um Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen: den Entwicklungshilfebedarf haben wir an dieser Stelle in Deutschland.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachhaltigkeit bedeutet, die gegenw\u00e4rtigen Bed\u00fcrfnisse so zu befriedigen, dass zuk\u00fcnftige Generationen in ihren M\u00f6glichkeiten nicht eingeschr\u00e4nkt werden. Die gleichberechtigten Dimensionen nachhaltiger Ma\u00dfnahmen sind deren wirtschaftliche Effizienz, soziale Gerechtigkeit und \u00f6kologische Tragf\u00e4higkeit. Die Abw\u00e4gung dieser Dimensionen soll als Grundlage nachhaltiger Politik alle Entscheidungen pr\u00e4gen. 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