Selbstbeschreibungsdefizite

Sprache ist ein großes Geschenk. Sie kann eine Brücke sein, Gräben überwinden, sie kann ein Therapeutikum sein, Wunden heilen, sie bringt Menschen zusammen und lässt uns Menschen sein. Sie kann aber auch ein Fluch sein, Mauern bauen, sie kann verletzen und entzweien. 

Sprache entfaltet Macht. Und sie sagt auch immer etwas über die Haltungen dessen aus, der oder die sie verwendet. Gerade wegen ihrer Offenbarungen regt Sprache zur Reflektion an. Zum Beispiel auch darüber, wie wir uns als Pflegefachpersonen selbst beschreiben. 

Wir sind ganz vieles: Fachkraft, Krankenschwester, Profession – die Zuschreibungen gehen uns nicht aus. Aber was sagt es über uns aus, wenn wir uns zur Selbstbeschreibung eine Lagebezeichnung zuordnen? Wenn wir einen Teil der professionellen Pflege als ‚Basis‘ beschreiben?

Worte haben auch die Funktion, einen Gegenstand oder Sachverhalt von einem anderen Gegenstand oder Sachverhalt abzugrenzen. Wo es eine Basis gibt, gibt es auch etwas anderes. Was ist das? Die da oben? Oder sind es die akademisch ausgebildeten Pflegefachpersonen? Oft, wenn von ‚Basis‘ gesprochen wird, kommt die Sorge zum Ausdruck, man würde diese vergessen.   

Vielleicht liegt hier der Hase im Pfeffer: Wir haben eklatante Probleme mit den Versorgunssystemen – die Zukunft bekommen wir nur gestemmt, wenn wir alles anders machen. Auch in der klinischen Pflege. Wir alle sind die Pflegefachpersonen, die unter den gegenwärtigen Bedingungen eine (defizitäre) Versorgung aufrechterhalten und aus dem täglichen Konflikterleben heraus eine Vorstellung davon entwickeln, wie es in Zukunft besser sein könnte. 

Vielleicht ernten wir irgendwann die Früchte unseres Handelns. Gewiss nicht morgen. Aber wir tragen gemeinsam und auf Augenhöhe dazu bei, dass wir eine Zukunft als Profession haben. Kein Oben und kein Unten. Gemeinsam. 

Sind wir selber Schuld?

Auf dem deutschen Pflegetag hat ein Hausarzt und Ärztefunktionär in einer Session zur Heilkundeübertragung bezogen auf die Schwierigkeiten bei der Übertragung heilkundlicher Tätigkeiten an die Pflege behauptet, die Pflege sei auch zum Teil selber daran schuld, dass sich diese Diskussion so lange zieht. Schließlich hätte die Pflege selbst mal viele Tätigkeiten abgegeben, die sie heute gerne zurück hätte und die auch die Attraktivität des Berufes heben würde. 

Diese Kausalkette löst in mir großen Widerspruch aus. Und den will ich kurz darlegen. Ich war dabei, als Ende der achtziger Jahre die Pflege (und es war ausschließlich die Pflege in den Krankenhäusern) zu einem neuen und erstarktem Selbstbewusstsein kam. Die Zutaten dieser Entwicklung waren:

  • ein Personalmangel
  • Arbeitsverdichtung 
  • und die zunehmende Bedeutung des Pflegeprozesses. 

Gerade Letzteres hat eine große Emanzipationsbewegung der Pflegeberufe ausgelöst, weil ein Instrument verbindlich eingefordert wurde, mit dem sich Pflege aus der Perspektive der Profession darstellen ließ. In der Folge haben sich Pflegefachpersonen immer häufiger geweigert, Tätigkeiten zu übernehmen, die nicht in diesen Pflegeprozess einzahlten. 

Dazu gehörten folgende Tätigkeiten:

  • Röntgenbilder von A nach B zu tragen
  • Sonographiebefunde abholen
  • Blutabnahmen
  • Krankenhausbetten reinigen

Nicht dazu gehörten:

  • Komplexe Wundversorgungen
  • Diabetes überwachen
  • Kreislauf sicherstellen
  • Katheterisierung 
  • Ernährung im Blick behalten
  • Mobilisation

Das sind zu großen Teilen nun genau die Maßnahmen, die heute im Zusammenhang mit Heilkundeübertragung diskutiert werden. Aber aus irgendwelchen Gründen ist im Laufe der Jahrzehnte übrig geblieben, dass Pflege die Blutabnahme abgelehnt habe, und der Funktionär schließt daraus, die Pflege sei selber schuld, dass die Situation so ist, wie sie jetzt ist. 

Dazu muss man sagen, dass die Blutabnahme nicht wegen der Komplexität der Handlung abgelehnt wurde (das kann jeder!), sondern weil Anordnungen auf bettenführenden Stationen häufig vorsahen, dass morgens um 6:00 Uhr bei 29 von 30 Patienten Blut abzunehmen sei und eine Pflegefachpersonen im Grunde genommen zwei Stunden damit beschäftigt war, diese Blutabnahme durchzuführen. Der Erkenntnisgewinn der Blutabnahmen dabei war offenbar so gering, dass – nach dem Pflegefachpersonen die Durchführung abgelehnt haben – ziemlich sofort die Zahl der angeordneten Blutabnahmen auch deutlich auf das wirklich notwendige Maß zurückging. 

Was damals also als pflegeentlastende Maßnahmen offenkundig notwendig und vernünftig war, soll heute als Argument herhalten, warum es so schwierig sei, heilkundliche Tätigkeiten an die Pflege zu übertragen. 

Und das ist – mit Verlaub – Quatsch: denn das, was heute als Maßnahmen im Sinne der Heilkundeübertragung an die Pflege diskutiert wird, war früher ganz selbstverständlich Aufgabe der Pflege und ist ihr vor allem durch das Leistungsrecht weggenommen worden. Es geht also am Ende nicht um die Durchführung dieser Maßnahmen, sondern das Recht, sie abzurechnen. 

Mein Punkt: Pflegefachpersonen bringen die Kompetenzen für die Tätigkeiten mit, die im Rahmen der Heilkundeübertragung vorgesehen sind. Nicht nur das: sie haben eine pflegefachliche Perspektive auf diese Handlungsfelder, die sich von der ärztlichen Betrachtung unterscheidet. Liebe Kolleginnen und Kollegen, nicht verunsichern lassen – wir können das nicht nur, es sind sogar unsere Aufgaben. 

Ihr seid keine Helden

Ihr seid keine Helden – ihr seid Mütter und Väter. Ihr habt eine Verantwortung euren Kindern gegenüber. Eure Kinder haben ein Recht darauf, in einer sicheren und liebevollen Umgebung aufzuwachsen – in der Erwachsene die Zeit haben, sie zu begleiten und zu stützen. Ihr nehmt an Elternsprechtagen teil, begleitet Schulausflüge oder regt euch in Whats-App-Gruppen auf. Ihr geht mit euren Kindern kurz vor Ladenschluss schnell noch Schuhe kaufen, weil sie schon wieder aus den alten rausgewachsen sind. Ihr steht an Samstagen viel zu früh auf, weil wieder nicht genug Eltern Zeit haben, die Sportmannschaft zum Turnier zu begleiten. 

Ihr seid keine Helden – ihr seid Töchter und Söhne. Voller Stolz blicken eure Eltern auf euch, dass ihr euer Leben meistert. Vielleicht hätte es aber doch die Lehre im Handwerk sein sollen oder mit dem Abi was Vernünftiges anstellen. Die Konflikte eurer Kindheit habt ihr noch vor Augen. Wenn ihr Kinder haben werdet, macht ihr alles anders, vor allem aber besser. Ihr fahrt viel zu selten zu euren Eltern. An Feiertagen besucht ihr eure Familien. Ihr seht mit Sorge euren Eltern beim älter werden zu – ihr wisst ja, wie es läuft. 

Ihr seid keine Helden – ihr seid Freunde und Freundinnen. Ihr schlagt bei Geburtstagsfeiern über die Stränge. Ihr geht auf Festivals zu viel zu teuren Eintrittspreisen und löffelt zwischen zwei Acts kalte Ravioli aus der Dose. Am Wochenende wollt ihr paddeln oder bouldern, eure Grenzen gemeinsam ausprobieren. 

Ihr seid keine Helden – ihr seid Kolleginnen und Kollegen. Eure Lebenswege haben euch zusammengeführt. Ihr kommt alle aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen und habt ganz individuelle Biografien. Im günstigsten Fall seid ihr ein tolles Team. 

Ihr seid keine Helden – ihr seid ganz normale Menschen. Ihr habt euer Leben, eure Hobbys, eure Probleme und Schwierigkeiten. Ihr macht Fehler – äußert vielleicht einmal etwas, was ihr später bedauert oder postet etwas, was andere empört, verletzt einander, vertragt euch wieder, verliebt euch, entliebt euch, seid gekränkt, fallt in ein Loch oder findet euren Weg. 

Ihr seid keine Helden – Helden bleiben allein, zehren sich auf, holen für andere die heißen Kohlen aus dem Feuer und ihr Lohn heißt „Dankbarkeit“. Ihr seid wunderbare Menschen, die einen wichtigen Beitrag leisten und damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Aber ihr habt auch ein Leben. Lasst euch nicht verführen von den Lavendelschenkern, den Balkonklatscher, den Obstkorbverteilern, den Moralisten, den Medien. Passt auf euch auf.